Montag, 12. November 2012

"Respekt, Albert"

Ich sitze auf meinem Bett und kaue Zuckerrohr.
Zuckerrohr isst man so: Nachdem man sich ein Rohr gekauft hat, nimmt man ein Messer und entfernt die harte, ungenießbare Schale, sodass das Brauchbare, das saftige Innere, freigelegt wird. Dann schneidet man es in Stücke - man muss aufpassen, dass man sich nicht in den Finger schneidet – und genießt. Man kauft Zuckerrohr nicht nur um es zu essen, sondern auch das Schälen und Schneiden macht Spaß, denn man kann die Zeit gut zum Nachdenken nutzen.
Diesmal denke ich daran, wie viele Leute mir gesagt haben: "Respekt, Albert. Respekt für deinen Mut nach Uganda zu gehen, Respekt für deine Hilfsbereitschaft." Danke an alle, die mir Respekt zollen, wirklich. Aber wie sieht es denn aus, bin ich so mutig, bin ich so hilfsbereit?
Um Mut zu zeigen, muss man sich einer Gefahr stellen. Welcher Gefahr stelle ich mich in Uganda? Ist es so, dass, wenn ich das Haus verlasse, eine Horde hungriger Ugander über mich herfällt, mir die Kleider vom Körper reißt, mich zu Boden schlägt und mir bei lebendigem Leib das Fleisch von den Knochen frisst, während im Hintergrund ein Auto, das bei einer Schießerei durchlöchert wurde, explodiert?
Ich sitze auf meinem Bett und kaue Zuckerrohr. Nein, eigentlich ist es nicht gefährlicher auf die Straße zu gehen als in Deutschland: In den zwei Monaten, die ich nun hier bin, habe ich mich kein einziges Mal unsicher gefühlt und hätte auch nie Grund dazu gehabt. Meine letzten Berichte haben vielleicht auch den falschen Eindruck erweckt, dass alle Ugander immer nur den Weißen im Blick haben. Diese Ugander sind aber die Ausnahmen, die meisten scheren sich nicht mehr um mich, als es ein Fußgänger in Deutschland tun würde. Durch die Paar, die mich aber doch ansprechen, fühle ich mich dann natürlich doch, als würden mich alle in den Mittelpunkt stellen, aber dieses Gefühl entspricht keineswegs der Realität.
Ich glaube nicht, dass ich besonders mutig bin, weil ich nach Uganda gegangen bin. Aber wie steht's mit der Hilfsbereitschaft? Die zeichnet sich wohl dadurch aus, "Entwicklungshilfe" zu leisten, den Ugandern es durch meine Arbeit zu ermöglichen, sich zu "entwickeln". Ich habe in Deutschland gerade die Schule verlassen und der deutsche Staat traut es mir jetzt schon, ohne die geringste Ausbildung, zu, hier an einer Schule zu unterrichten. Die ugandischen Lehrer, die an meiner Schule, der Hilgard Primary School, arbeiten, wissen, wie das geht, ich nicht. Aber ich bin hier um es zu lernen und die Lehrer opfern ihre Zeit und zeigen mir wie das geht. Ich bin hier um zu lernen, zu reifen, um mich positiv zu entwickeln – wer leistet jetzt also Entwicklungshilfe? Es ist nicht so, dass ich ein Jahr meines Lebens opfere, um anderen zu helfen.
Ich sitze auf meinem Bett und kaue Zuckerrohr. Ich habe Spaß dabei und wenn ich mir nicht in den Finger schneide, passiert mir auch nichts.

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